Wirtschaftlichkeit von IT-Projekten
Warum die WiBe mehr ist als eine Pflichtübung
Wirtschaftlichkeit von IT-Projekten: Warum die WiBe mehr ist als eine Pflichtübung
Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung erfordert erhebliche Investitionen in neue Verfahren, Anwendungen und Infrastruktur. Damit diese Investitionen nachvollziehbar, transparent und verantwortungsvoll erfolgen, kommt der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung (WiBe) eine zentrale Rolle zu. Häufig wird sie jedoch lediglich als formaler Nachweis vor Projektbeginn verstanden.
Tatsächlich kann die WiBe deutlich mehr leisten. Richtig eingesetzt begleitet sie ein Vorhaben von der ersten Idee über die Umsetzung bis hin zur Erfolgskontrolle nach der Einführung. Sie schafft Transparenz über Kosten, Nutzen, Risiken und Handlungsoptionen und bildet damit eine wichtige Grundlage für fundierte Managemententscheidungen.
Wirtschaftlichkeit als Basis guter Projektentscheidungen
Im Mittelpunkt jeder Wirtschaftlichkeitsbetrachtung steht die Frage, ob der erwartete Nutzen einer Maßnahme den erforderlichen Ressourceneinsatz rechtfertigt. Dabei geht es nicht ausschließlich um finanzielle Aspekte. Gerade im öffentlichen Sektor spielen auch qualitative Verbesserungen, strategische Ziele, gesetzliche Anforderungen oder gesellschaftliche Wirkungen eine wichtige Rolle.
Deshalb unterscheidet die WiBe zwischen monetären und nicht monetären Bewertungsdimensionen. Während finanzielle Auswirkungen über klassische Wirtschaftlichkeitskennzahlen bewertet werden, fließen qualitative Faktoren gesondert in die Entscheidungsfindung ein. Diese Trennung sorgt für Transparenz und verhindert, dass wirtschaftliche und qualitative Kriterien miteinander vermischt werden.
Absolute und relative Wirtschaftlichkeitsbetrachtung richtig einsetzen
Nicht jede Wirtschaftlichkeitsbetrachtung verfolgt dasselbe Ziel. Grundsätzlich wird zwischen absoluten und relativen Betrachtungen unterschieden.
- Bei der absoluten Wirtschaftlichkeitsrechnung wird untersucht, ob eine Maßnahme insgesamt wirtschaftlich und sinnvoll ist. Sie bildet damit die Grundlage für die Entscheidung, ob ein Vorhaben überhaupt umgesetzt werden sollte.
- Die relative Wirtschaftlichkeitsrechnung wird hingegen eingesetzt, um mehrere Handlungsalternativen miteinander zu vergleichen , beispielsweise unterschiedliche Lösungsansätze oder Produkte.
Gerade bei IT-Projekten existieren jedoch Situationen, in denen kaum echte Handlungsspielräume bestehen. Technologische Zwänge, auslaufende Herstellerunterstützung oder verbindliche Vorgaben können dazu führen, dass eine bestimmte Maßnahme alternativlos wird. Auch in solchen Fällen bleibt eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung sinnvoll, da sie Transparenz schafft und wertvolle Informationen für das spätere Projektcontrolling liefert.
Monetäre und qualitative Nutzen sauber bewerten
Ein häufiger Fehler bei Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen besteht darin, finanzielle und qualitative Nutzenpotenziale miteinander zu vermischen. Die WiBe verfolgt bewusst einen anderen Ansatz.
- Monetäre Effekte werden über eine Kosten-Nutzen-Betrachtung mit Hilfe von Kapitalwertmethoden bewertet.
- Qualitative Kriterien wie Dringlichkeit, Qualitätsverbesserungen oder externe Wirkungen werden dagegen über Nutzwertanalysen betrachtet.
Erst die gemeinsame Bewertung beider Perspektiven liefert ein vollständiges Bild für die Entscheidungsträger.
Besonders bei Digitalisierungsprojekten entstehen viele Vorteile nicht unmittelbar als messbare Einsparungen. Eine verbesserte Servicequalität, erhöhte Transparenz, geringere Risiken oder ein höherer Grad an Digitalisierung können dennoch wesentliche Argumente für die Umsetzung eines Vorhabens darstellen.
Belastbare Schätzungen bilden das Fundament der WiBe
Die Qualität jeder Wirtschaftlichkeitsrechnung hängt unmittelbar von der Qualität ihrer Annahmen ab. Kosten- und Nutzenprognosen sollten daher nachvollziehbar, dokumentiert und möglichst belastbar erstellt werden. Für größere Projekte hat sich dabei insbesondere ein Ansatz aus Bottom-up-Schätzung, Drei-Punkt-Methode und Sensitivitätsanalyse. Dabei werden zunächst einzelne Arbeitspakete bewertet, anschließend optimistische, realistische und pessimistische Szenarien betrachtet und schließlich die einflussreichsten Kosten- und Risikotreiber identifiziert. Alle Annahmen sollten dabei mit Quellen und Verantwortlichkeiten dokumentiert werden.
Auf diese Weise entsteht nicht nur ein realistischer Erwartungswert, sondern auch ein Verständnis für die Unsicherheiten innerhalb des Projekts. Dies erhöht die Transparenz und ermöglicht ein fundiertes Risikomanagement.
„Gerade bei IT-Projekten existieren Situationen, in denen kaum echte Handlungsspielräume bestehen. Technologische Zwänge, auslaufende Herstellerunterstützung oder verbindliche Vorgaben können dazu führen, dass eine bestimmte Maßnahme alternativlos wird. Auch in solchen Fällen bleibt eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung sinnvoll, da sie Transparenz schafft und wertvolle Informationen für das spätere Projektcontrolling liefert."
Torge Drews | Senior Business Consultant | msg Public Sector
Von der Wirtschaftlichkeitsrechnung zum Projektcontrolling
Der eigentliche Mehrwert der WiBe zeigt sicher erst nach der Projektfreigabe. Denn Wirtschaftlichkeit ist keine statische Größe, sondern verändert sich mit dem Projektfortschritt. Neue Anforderungen, Terminverschiebungen oder geänderte Rahmenbedingungen können die ursprünglichen Annahmen erheblich beeinflussen.
Deshalb sollte die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung als lebendes Dokument verstanden werden. Ein pragmatischer Ansatz besteht darin, die ursprünglich ermittelten WiBe-Werte als Baseline zu verwenden und diese in regelmäßigen Abständen mit den tatsächlichen Entwicklungen abzugleichen. Dazu bietet es sich an, die kostentreibenden Werte des Projekts außerhalb des WiBe-Kalkulators zu verfolgen, da dieser für ein laufendes Controlling wenig geeignet ist. Soll-Ist-Vergleiche mit der Baseline, die Fortschreibung von Prognosen sowie die kontinuierliche Überprüfung zentraler Annahmen ermöglichen darauf aufbauend eine laufende Bewertung der wirtschaftlichen Entwicklung.
Frühzeitig gegensteuern statt spät reagieren
Ein wirksames Controlling benötigt klare Schwellenwerte und definierte Reaktionsmechanismen. Hierzu können beispielsweise Ampelmodelle eingesetzt werden, die Abweichungen transparent darstellen und frühzeitig Handlungsbedarf aufzeigen. Werden kritische Abweichungen festgestellt, sollten abgestufte Maßnahmen greifen. Diese reichen von kleineren Nachsteuerungen über Anpassungen des Leistungsumfangs bis hin zu einer vollständigen Neubewertung der Wirtschaftlichkeit. In Ausnahmefällen kann sogar die Frage nach alternativen Lösungswegen oder einem Projektabbruch erforderlich werden.
Damit solche Entscheidungen rechtzeitig getroffen werden können, müssen wirtschaftliche Kennzahlen kontinuierlich beobachtet und regelmäßig aktualisiert werden. Nur so entsteht die notwendige Transparenz für die Projektleitung und Entscheidungsgremien.
Wirtschaftlichkeit endet nicht mit dem Projektabschluss
Viele Organisationen konzentrieren sich bei der Planung vor Projektbeginn auf die Wirtschaftlichkeit, verlieren diese nach der Inbetriebnahme jedoch aus den Augen. Dabei zeigt sich der tatsächliche Projekterfolg häufig erst im Wirkbetrieb. Eine abschließende Erfolgskontrolle überprüft daher, ob die ursprünglich erwarteten wirtschaftlichen und qualitativen Ziele tatsächlich erreicht wurden. Gleichzeitig liefert sie wichtige Erkenntnisse für zukünftige Vorhaben und verbessert die Qualität künftiger Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen.
Fazit
Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung sollte nicht als einmaliger Pflichtnachweis vor Projektbeginn verstanden werden. Ihr eigentlicher Nutzen entsteht, wenn sie als dauerhaftes Steuerungsinstrument eingesetzt wird.
Wer Wirtschaftlichkeit, Risiken und Nutzen über den gesamten Projektlebenszyklus hinweg bewertet, schafft bessere Entscheidungsgrundlagen, erhöht die Nachvollziehbarkeit und kann frühzeitig auf Veränderungen reagieren. Damit wird die WiBe vom formalen Dokument zum zentralen Instrument eines wirksamen Projektcontrollings und einer verantwortungsvollen Steuerung von IT-Projekten.
Über den Autor
Torge Drews ist Senior Business Consultant bei msg systems ag. Sein Schwerpunkt liegt auf der strategischen und fachlichen Begleitung von Digitalisierungs- und Transformationsvorhaben im öffentlichen Sektor. Dabei verbindet er langjährige Erfahrung in Projektmanagement, Organisationsentwicklung und Prozessanalyse mit fundierter Expertise im Anforderungsmanagement und in der Gestaltung moderner Verwaltungsprozesse.
Zur Einordnung von Fachbegriffen und digitalen Standards im Public Sector finden Sie weitere Definitionen in unserem IT-Glossar für den Public Sector.