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Legacy-Anwendungen in der Verwaltung

Altlast oder strategischer Erfolgsfaktor?

Legacy-Anwendungen strategisch steuern

Die digitale Transformation der öffentlichen Verwaltung wird häufig mit neuen Online-Diensten, Cloud-Technologien oder Künstlicher Intelligenz verbunden. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch der Umgang mit bestehenden Fachverfahren und Legacy-Anwendungen. Diese oftmals über Jahre gewachsenen Systeme bilden das Rückgrat der Verwaltungs-IT, sichern die Erfüllung gesetzlicher Aufgaben und enthalten wertvolle Fachlogik. Gleichzeitig erschweren sie die Umsetzung neuer Anforderungen, erhöhen den Betriebsaufwand und begrenzen die Innovationsfähigkeit.

Legacy-Anwendungen zwischen Stabilität und Modernisierung

Die Modernisierung dieser Anwendungslandschaften stellt die öffentliche Verwaltung vor besondere Herausforderungen. Fachverfahren sind eng mit gesetzlichen Vorgaben und Verwaltungsprozessen verknüpft und müssen hohe Anforderungen an Rechtssicherheit, Verfügbarkeit und Nachvollziehbarkeit erfüllen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Digitalisierung und Informationssicherheit, während Ressourcen begrenzt bleiben. Der Umgang mit Legacy-Anwendungen entwickelt sich daher zunehmend von einer technischen Fragestellung zu einer strategischen Managementaufgabe der Verwaltungsmodernisierung.

Der Beitrag zeigt, wie Legacy-Anwendungen differenziert bewertet und durch geeignete Handlungsoptionen sowie ein strategisches Application Portfolio Management nachhaltig und zukunftsorientiert weiterentwickelt werden können.

Ansprechpartner

Markus Wendel

Markus Wendel

Abteilungsleitung | Public Sector

Die Analyse beginnt bei der einzelnen Anwendung

Obwohl Legacy-Systeme heute Teil komplexer Anwendungslandschaften sind, beginnt jede Modernisierungsentscheidung zunächst auf Ebene der einzelnen Anwendung. Erst wenn deren fachliche Bedeutung, technischer Zustand und organisatorische Einbettung systematisch bewertet werden, lassen sich fundierte Entscheidungen über ihre zukünftige Entwicklung treffen. Erst die Kombination dieser drei Perspektiven ermöglicht eine belastbare Einschätzung des Modernisierungsbedarfs und schafft eine objektive Entscheidungsgrundlage.

Den Ausgangspunkt bildet die fachliche Bewertung. Sie beantwortet die Frage, welche Bedeutung eine Anwendung für die Aufgabenerfüllung einer Behörde besitzt und welchen Beitrag sie künftig leisten soll. Dabei ist zu untersuchen, ob es sich um ein geschäftskritisches Fachverfahren handelt, welche gesetzlichen Aufgaben unterstützt werden und inwieweit die Anwendung für Bürgerinnen und Bürger oder Unternehmen von zentraler Bedeutung ist. Ebenso relevant ist die Frage, ob funktionale Überschneidungen mit anderen Anwendungen bestehen. Die fachliche Analyse schafft somit Transparenz über den tatsächlichen Nutzen einer Anwendung und bildet die Grundlage für alle weiteren Entscheidungen.

Darauf aufbauend erfolgt die technische Bewertung. Im Mittelpunkt stehen die Zukunftsfähigkeit der eingesetzten Technologien, die Qualität der Softwarearchitektur sowie die Fähigkeit der Anwendung, sich in moderne IT-Landschaften zu integrieren. Aspekte wie Modularität, standardisierte Schnittstellen oder die Einhaltung aktueller Sicherheitsanforderungen sind dabei ebenso zu betrachten wie Abhängigkeiten von Herstellern oder einzelnen Dienstleistern. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die im Laufe vieler Jahre entstandenen technischen Schulden. Historisch gewachsene Erweiterungen, fehlende Modularisierung, unzureichende QS-Maßnahmen oder veraltete Technologien erhöhen nicht nur den Wartungsaufwand, sondern erschweren auch die Umsetzung neuer fachlicher Anforderungen erheblich. Die Bewertung technischer Schulden liefert daher einen wichtigen Indikator für den tatsächlichen Modernisierungsbedarf.

Neben der fachlichen und technischen Perspektive ist schließlich auch die organisatorische Dimension zu berücksichtigen. Der nachhaltige Betrieb einer Anwendung hängt wesentlich davon ab, ob ausreichendes Fachwissen vorhanden ist, eine belastbare Dokumentation existiert und etablierte Betriebs- sowie Supportprozesse verfügbar sind. Gerade bei langjährig betriebenen Eigenentwicklungen entstehen häufig erhebliche Wissensrisiken, wenn nur wenige Mitarbeitende oder externe Dienstleister die Anwendung umfassend verstehen. Auch Vertrags- und Lizenzmodelle sowie die organisatorische Fähigkeit, Änderungen kontrolliert umzusetzen, fließen in die Gesamtbewertung ein.

Von der Analyse zur Modernisierungsstrategie

Die Bewertung einer Anwendung stellt keinen Selbstzweck dar. Ihr Ziel besteht vielmehr darin, geeignete Handlungsoptionen für den zukünftigen Umgang mit der Anwendung abzuleiten. Dabei zeigt die Praxis, dass eine vollständige Ablösung keineswegs immer die wirtschaftlich oder fachlich sinnvollste Lösung darstellt.

Je nach Bewertung kann der kontrollierte Weiterbetrieb einer Anwendung sinnvoll sein, sofern keine wesentlichen fachlichen oder technischen Defizite bestehen. In anderen Fällen reichen gezielte Optimierungsmaßnahmen aus, beispielsweise die Modernisierung einzelner Schnittstellen, die Verbesserung der Performance oder die Umsetzung zusätzlicher Sicherheitsanforderungen. Anwendungen mit hoher fachlicher Relevanz, aber erheblichen technischen Defiziten erfordern dagegen häufig eine umfassendere Modernisierung durch Refactoring, Replatforming oder eine schrittweise Erneuerung der Softwarearchitektur. Ist eine Anwendung fachlich überholt oder dauerhaft nicht mehr wirtschaftlich betreibbar, kann ihre Ablösung durch eine Standardlösung oder eine Neuentwicklung sinnvoll sein.

Entscheidend ist, dass diese Entscheidungen nicht isoliert anhand einzelner Kriterien getroffen werden. Vielmehr ergibt sich die geeignete Modernisierungsstrategie aus der Gesamtschau fachlicher Relevanz, technischer Nachhaltigkeit und organisatorischer Tragfähigkeit.

Vom Einzelentscheid zur Portfolio-Steuerung

Mit zunehmender Anzahl bewerteter Anwendungen wird deutlich, dass Modernisierungsentscheidungen selten isoliert getroffen werden können. Fachverfahren teilen gemeinsame Plattformen, greifen auf identische Basisdienste zu oder weisen komplexe technische und organisatorische Abhängigkeiten auf. Maßnahmen an einer Anwendung beeinflussen daher häufig zahlreiche weitere Systeme.

Aus diesem Grund endet ein professioneller Umgang mit Legacy-Anwendungen nicht bei der Bewertung einzelner Fachverfahren. Vielmehr müssen die Ergebnisse zu einem konsistenten Gesamtbild zusammengeführt werden. Erst die übergreifende Betrachtung ermöglicht es, Modernisierungsmaßnahmen zu priorisieren, Risiken transparent zu bewerten und vorhandene Ressourcen zielgerichtet einzusetzen.

Transparenz durch Application Portfolio Management

Application Portfolio Management schafft hierfür den notwendigen Ordnungsrahmen. Durch die systematische Konsolidierung aller Anwendungen entsteht Transparenz über den Zustand der gesamten Anwendungslandschaft. Anwendungen lassen sich hinsichtlich ihres fachlichen Nutzens, ihrer technischen Qualität, ihrer Betriebsrisiken und ihres Modernisierungsaufwands vergleichen. Auf dieser Grundlage können Investitionen nachvollziehbar priorisiert, gemeinsame Modernisierungsvorhaben gebündelt und Redundanzen innerhalb der IT-Landschaft identifiziert werden.

Darüber hinaus bildet die Portfolio-Perspektive die Grundlage für die Entwicklung einer langfristigen Zielarchitektur. Anstatt Modernisierungen ausschließlich projektbezogen durchzuführen, können Anwendungen schrittweise entlang definierter Architekturprinzipien weiterentwickelt werden. Plattformen, Basisdienste und standardisierte Schnittstellen gewinnen dadurch zunehmend an Bedeutung und ermöglichen eine nachhaltige Reduzierung der Komplexität.

Fazit

Legacy-Anwendungen werden auch künftig einen wesentlichen Bestandteil der IT-Landschaften öffentlicher Verwaltungen bilden. Die Herausforderung besteht daher nicht in ihrer möglichst schnellen Ablösung, sondern in ihrem professionellen Management. Dieses beginnt mit einer strukturierten Analyse der einzelnen Anwendung, führt über die Ableitung geeigneter Modernisierungsstrategien und mündet schließlich in einer ganzheitlichen Steuerung des gesamten Applikationsportfolios.

Gerade unter den besonderen Rahmenbedingungen der öffentlichen Verwaltung – geprägt durch rechtliche Vorgaben, lange Lebenszyklen von Fachverfahren und begrenzte Ressourcen – wird ein systematisches Application Portfolio Management zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor der digitalen Transformation. Erst wenn Einzelentscheidungen in einen strategischen Gesamtkontext eingebettet werden, entsteht eine Verwaltungs-IT, die gleichermaßen stabil, wirtschaftlich und zukunftsfähig ist.

Kevin Lindauer

Kevin Lindauer

Über den Autor

Kevin Lindauer verbindet langjährige praktische Erfahrung aus der öffentlichen Verwaltung mit fundierter Beratungsexpertise im Public Sector. Als Lead Business Consultant begleitet er heute öffentliche Auftraggeber bei Transformations- und Digitalisierungsvorhaben und vereint dabei die Perspektiven von Verwaltung und Beratung. Seine Schwerpunkte liegen in der Leitung von IT- und Transformationsvorhaben sowie im Anforderungs- und Prozessmanagement. Er unterstützt Organisationen des öffentlichen Sektors bei der Umsetzung komplexer Digitalisierungsvorhaben und der Weiterentwicklung zukunftsfähiger Verwaltungsprozesse.